Chakren verstehen und anwenden
Das Konzept der Chakren gehört zu den feinstofflichen Lehren des Yoga. Es lädt dazu ein, den Körper nicht nur anatomisch zu betrachten, sondern als Raum von Atem, Wahrnehmung, Elementen und innerer Ausrichtung.
Illustration zum Muladhara Chakra
Die fünf Mahābhūtas: Elemente, Sinne und Bīja-Mantras
In der traditionellen Yogapraxis werden die Chakren auch über die fünf Mahābhūtas verstanden: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum. Diese Grundelemente beschreiben nicht nur die äußere Welt, sondern auch Qualitäten unserer inneren Erfahrung.
Über Asana, Prāṇāyāma, Mantra und Meditation können wir diese Qualitäten im Körper wahrnehmen und verfeinern. Die Bīja-Mantras sind dabei Klangsilben, die mit den jeweiligen Elementen und Chakren verbunden werden.
Bīja: LAM
Sinn: Geruch
Bīja: VAM
Sinn: Geschmack
Bīja: RAM
Sinn: Sehen
Bīja: YAM
Sinn: Tasten
Bīja: HAM
Sinn: Hören
So führt die Arbeit mit den Chakren nicht weg vom Körper, sondern tiefer in eine verfeinerte Wahrnehmung hinein: Erde gibt Stabilität, Wasser Beweglichkeit, Feuer Klarheit, Luft Weite und Raum die Fähigkeit, Klang, Stille und Resonanz wahrzunehmen.
Hier berührt die Chakrapraxis auch Pratyāhāra, den Rückzug der Sinne. Die Sinne werden nicht unterdrückt, sondern gesammelt und nach innen verfeinert. So können Geruch, Geschmack, Sehen, Tasten und Hören zu Wegen der Meditation werden.
Woher kommt das Konzept der Chakren?
Das Konzept der Chakras kommt aus der Tantratradition. Wichtige Texte entstehen unter anderem im mittelalterlichen Indien, als die Ideen und Philosophien hinter den Chakren systematischer festgehalten wurden.
Im Yoga sind Chakren nicht einfach „Punkte“ im Körper. Sie beschreiben vielmehr eine feinstoffliche Weise, über den Körper mit Wahrnehmung, Prana, Elementen und Bewusstsein in Beziehung zu treten.
Chakra und New Age
Das Chakrasystem hat im Laufe der Jahrhunderte eine faszinierende Entwicklung durchgemacht und wurde mit verschiedenen spirituellen Praktiken verbunden. Besonders die Visualisierung der Chakren als Energiezentren im Körper wurde in der New-Age-Bewegung mit großer Begeisterung aufgenommen.
Viele heute bekannte Darstellungen, etwa die Zuordnung der Chakren zu den Farben des Regenbogens, stammen aus modernen esoterischen Deutungen. Sie haben das heutige Verständnis stark geprägt, sind aber nicht einfach mit den älteren Yogatraditionen gleichzusetzen.
Eine einflussreiche moderne Interpretation findet sich zum Beispiel bei Anodea Judith in Eastern Body, Western Mind. Solche Zugänge können inspirierend sein, brauchen aber eine bewusste Einordnung, damit Yoga nicht auf bunte Symbolik reduziert wird.
Chakra Healing und Yoga
Auch die Idee des „Chakra Healing“ hat sich stark verbreitet. Im Zentrum steht die Vorstellung, dass Energiezentren im Körper eine wichtige Rolle für seelisches und körperliches Wohlbefinden spielen. Aromatherapie, Meditation oder Klangarbeit werden dabei häufig zur Harmonisierung der Chakren eingesetzt.
Oft werden Chakren auch mit physiologischen Prozessen oder Drüsen in Verbindung gebracht. Aus Yogasicht sind solche Zuordnungen jedoch sekundär. Chakren sind nicht einfach bestimmten Körperteilen zugeordnet. Sie eröffnen vielmehr ein Tor: durch den Körper mit den Grundelementen in Kontakt zu treten und darüber zu meditieren.
Zittern, Schütteln, Trancezustände, Visionen oder ähnliche Erfahrungen sind nicht automatisch Zeichen einer „Öffnung der Chakren“ oder einer „Kundalini-Erweckung“. Sie können auch Reaktionen des Nervensystems auf Reize, Erwartungen oder innere Anspannung sein.
Chakren harmonisieren
Neben Asana, Pranayama und Pratyahara, dem Rückzug der Sinne, spielen Mantra und Meditation eine zentrale Rolle, wenn wir uns den Chakren auf yogische Weise annähern wollen. Ein meditativer Zustand ermöglicht es, die Energie von Prana bewusster wahrzunehmen und zu lenken.
Prana kann freier fließen, wenn der Geist nicht vollkommen von Gedanken und Emotionen kontrolliert wird. Das Loslassen belastender innerer Muster schafft Raum. Wie Yoga diese psychologischen Prozesse betrachtet, beschreibt das Yoga Sūtra auf eine sehr klare und erhellende Weise.
Um eine Verbindung zur Kundalini Shakti und zu den Chakren herzustellen, ist also nicht Fantasie über „aktive“ Chakren entscheidend, sondern Sammlung, Stille, Atem und eine reife innere Praxis.
Ein fein abgestimmtes Zusammenspiel
Die Chakren in Harmonie zueinander zu bringen, können wir uns vorstellen wie ein Nummernschloss, das sich nur dann öffnet, wenn die richtige Kombination eingestellt ist. Oder wie ein fein abgestimmtes Orchester, in dem jedes Instrument seinen Platz kennt und mit den anderen zusammenklingt.
Wir schwingen mit dem Kosmos. Wir sind in Harmonie mit dem, was ist. Diese tiefe Verbundenheit gibt Kraft und bringt Ruhe in unser Sein.
Illustration aus Solar Yoga, Yogacharya Janakiraman und Carolina Rosso Cicogna, Trieste 1989
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Ein weiterer Beitrag dieser Reihe ist Vishuddha Chakra im Yoga .


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